Dalai
Lama über Tibet
"Niemand will das alte System zurück"
Nicht alle Tibeter stimmen seinem "Mittleren Weg" für
ein autonomes Tibet zu - der Dalai Lama über das alte Tibet und
die Unterstützung durch Chinas Opposition.
Interview von Klemens Ludwig, TAZ vom 03.08.2009
Eure Heiligkeit, manche Menschen tun sich schwer mit den Tibetern,
weil sie meinen, sie repräsentieren ein altes Feudalsystem, dem
sie noch nachtrauern. Wie sehen Sie Tibets Vergangenheit, als China
noch nicht dort geherrscht hat?'
Natürlich war damals vieles rückständig und reformbedürftig,
wie in anderen Ländern. Kein einziger Tibeter, mich eingeschlossen,
wünscht sich die Restauration des alten Systems, wirklich niemand.
Daran gibt es keinen Zweifel. Die chinesische Propaganda ist an dem
Punkt bedeutungslos. Ich habe unmittelbar nach der Übernahme
der Regierungsverantwortung und der Rückkehr aus einem kurzen
Exil im Yarlung-Tal ein Reformkomitee ins Leben gerufen. Das war im
Jahr 1952. Unter anderem wurden damals Bauern aus der Schuldknechtschaft
befreit. Das war nicht einmal der Beginn der Reformen. Bereits der
13. Dalai Lama hat Schritte zu einem grundlegenden Wandel initiiert.
Auch er wusste, dass unser System reformiert werden muss. Er hat dafür
gesorgt, dass Schüler nach Indien und sogar nach England gegangen
sind, um zu lernen und ihre Kenntnisse wieder nach Tibet zurückzubringen.
Der Vergleich mit der Entwicklung in China vor und nach der Gründung
der Volksrepublik drängt sich auf. Was haben Sie davon mitbekommen?
Ich hatte in der ersten Zeit große Sympathien für die Entwicklung
in China und den Vorsitzenden Mao. Als ich 1954 China besucht habe,
war ich sehr beeindruckt von dem industriellen Fortschritt und den
Anstrengungen der Menschen. Ich bin mit Skepsis im Herzen dorthin
gefahren, aber nach über einem Jahr mit der Überzeugung
heimgekehrt, dass China auf einem guten Weg ist. Deshalb bezeichne
ich mich manchmal als "Halbmarxisten". Nur die Ablehnung
der Religion durch den Marxismus teile ich nicht.
Im Exil können Sie - im Rahmen der allgemeinen Einschränkungen,
die ein solches Leben mit sich bringt - halbwegs selbstbestimmt Ihren
Weg gehen. Lebt die alte Entschlossenheit zu Reformen im Exil weiter?
Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, dass nicht nur soziale
und wirtschaftliche Projekte vorangetrieben, nicht nur Tempel und
Schulen gebaut werden, sondern dass sich unsere Gemeinschaft auch
demokratisiert. In der Hinsicht haben wir viel erreicht. Seit 2001
gibt es eine politische Führung im Exil, die durch freie und
geheime Wahlen an die Macht gekommen ist. Damit endete die 400 Jahre
alte Tradition, wonach der Dalai Lama das spirituelle und politische
Oberhaupt der Tibeter ist.
Die Lösung von der Tradition fördert auch Konflikte zutage.
Der von Ihnen propagierte Mittlere Weg, der auf die Unabhängigkeit
verzichtet und wirkliche Autonomie als Lösung anstrebt, hat in
Ihren eigenen Reihen Irritationen hervorgerufen. Der Jugendkongress
und manche Intellektuelle lehnen ihn offen ab. Ist Ihre Position geschwächt,
weil es vonseiten Pekings keinerlei Entgegenkommen gibt?
Das würde ich nicht sagen. Natürlich gibt es Kritiker, das
ist normal in einer demokratischen Gesellschaft. Aber um an dem Punkt
zu einem Meinungsbild zu kommen, haben sich im November 2008 etwa
600 tibetische Repräsentanten aus aller Welt in Dharamsala versammelt.
Der größte Teil der dort Anwesenden hat den Mittleren Weg
unterstützt, und dadurch fühle ich mich bestärkt.
Kürzlich hat der Aufstand der Uiguren die Welt erschreckt.
Sehen Sie Parallelen zwischen diesen Ereignissen und den Unruhen in
Tibet vom März 2008?
Ja, da gibt es Parallelen, historische Parallelen. Das Problem der
Uiguren existiert auch schon lange. Die sogenannte Befreiung durch
China vollzog sich mit Waffengewalt - wie bei uns. Zuvor gab es einen
Staat der Uiguren, der von der Sowjetunion anerkannt wurde, doch mit
der Machtübernahme der Kommunisten in China hat die Sowjetunion
die Uiguren fallen gelassen. Ähnlich wie bei uns resultieren
daraus viele Vorbehalte gegen China, was sich bisweilen auch in Gewalt
niederschlägt. Letztlich muss die chinesische Führung einsehen,
dass ihre Politik gegenüber den Minderheiten, die sie seit 60
Jahren verfolgt, gescheitert ist.
Gibt es Perspektiven für die Zusammenarbeit zwischen Tibetern
und Uiguren?
Die direkte Zusammenarbeit hat ihre Grenzen. In der Unpo, einer Vereinigung
von Völkern ohne Staat, sind die Uiguren ebenso vertreten wie
wir Tibeter. Nach der jüngsten Krise habe ich an die chinesische
Führung appelliert, sich in Zurückhaltung zu üben und
der Situation im Geiste von Verständnis und Weitsicht zu begegnen.
Wir haben jedoch kein Interesse daran, offizielle Bündnisse zu
schließen und gemeinsam Druck auf die chinesische Regierung
auszuüben.
Neben dem gemeinsamen Interesse der Nationalitäten an echter
Autonomie dürfte der Kontakt zur chinesischen Opposition ein
wesentlicher Faktor für die Erfolgsaussichten Ihres Kampfs sein.
Wie ist Ihr Verhältnis zu den chinesischen Dissidenten?
Dazu möchte ich zunächst sagen, dass es sich beim Tibetproblem
nicht um ein internes, nationales Problem handelt, wie etwa bei West-
und Ostdeutschland oder Süd- und Nordkorea. Unser Problem ist,
dass neue Gäste ohne eine wirkliche Einladung, aber ausgerüstet
mit Waffen, mit Gewehren, zu uns gekommen sind und die totale Kontrolle
übernommen haben. Angesichts dieser Ausgangslage müssen
wir eine Lösung für die Tibeter und die Chinesen finden,
die beiden gerecht wird. Was unser Verhältnis zu China angeht,
so haben wir über Jahrzehnte versucht, zu einer besseren Verständigung
mit der chinesischen Führung zu kommen. In dem Punkt ist unser
Glaube an die Regierung leider immer schwächer geworden. Aber
den Glauben an die chinesische Bevölkerung haben wir nicht verloren.
Es gibt im Moment keinen wirklichen Kontakt zu Vertretern der Regierung.
Gleichzeitig versuchen wir jedoch unser Bestes, um das chinesische
Volk zu erreichen, und zwar über die Intellektuellen.
Und haben Sie damit Erfolg?
Diese Entwicklung ist ambivalent. Auf der einen Seite gibt es Anlass
zum Optimismus. Als vor zwanzig Jahren, im März 1989, die Menschen
in Tibet protestierten und sogar das Kriegsrecht verhängt wurde,
hat sich keine einzige chinesische Stimme für Tibet erhoben.
Heute ist das ganz anders. Seit der Krise vom März 2008 haben
über 200 chinesische Intellektuelle, Hochschullehrer und Studenten
die Regierung zu mehr Verständnis aufgefordert. Ebenso wurden
seit der Krise fast 600 Artikel in chinesischen Medien veröffentlicht,
die unsere Position klar unterstützt haben. Einige, wohlgemerkt
chinesische Autoren haben sogar geschrieben, dass Tibet ein unabhängiger
Staat gewesen ist und das Recht hat, für seine Unabhängigkeit
zu kämpfen. Etwa ein Drittel dieser Beiträge wurde in der
Volksrepublik China veröffentlicht; ein deutliches Zeichen dafür,
dass unter den Intellektuellen in China das Verständnis für
die Tibetfrage wächst.
Aber bei den Olympischen Spielen hatten man den Eindruck, dass
auch der chinesische Chauvinismus stärker wird.
Das ist die andere Seite, die wir nicht leugnen können. Wir geben
uns viel Mühe, die chinesische Bevölkerung zu erreichen,
weil die Regierung die Propaganda verbreitet, die Tibeter seien gegen
die Han. Leider hat sie damit teilweise Erfolg. Es gibt tatsächlich
auch wachsende Vorbehalte der Chinesen gegenüber uns Tibetern.
Landsleute haben mir berichtet, dass sie, wenn sie vor März 2008
für ein paar Tage nach Peking oder Schanghai gefahren sind, dort
leicht Unterkunft gefunden haben. Seitdem wird ihnen häufig eine
Unterkunft verweigert, nur weil sie Tibeter sind.
Dann sind die oppositionellen Chinesen Ihre natürlichen Verbündeten?
Es geht nicht darum, Bündnisse zu schmieden, sondern darum, eine
tragbare Lösung zu finden. Mit der Regierung ist es gerade schwierig,
aber es heißt doch, dass die Regierung für das Volk da
sei, auch wenn die Kommunisten da manchmal etwas eigene Vorstellungen
haben. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren haben sie immer
gegen zwei Positionen agitiert: gegen den lokalen Nationalismus der
Minderheiten und gegen den Han-Chauvinismus der Chinesen. In den letzten
zwanzig Jahren hört man keine Agitation mehr gegen den Han-Chauvinismus,
nur noch gegen den lokalen Nationalismus. Aber eine Regierung kann
wechseln; das Volk nicht, und wir müssen deutlich machen, dass
wir keinesfalls gegen die Chinesen sind, sondern ein friedliches Miteinander
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